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Jan Decker

aus Osnabrück, Landesstipendiat – Aufenthalt: 01.11.2018 – 31.12.2018

Kurzvita

Jan Decker, Jahrgang 1977, lebt und arbeitet als Schriftsteller in Osnabrück. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für ARD, Deutschlandradio und SRF schrieb er mehr als 20 Hörspiele und Features. Daneben verfasste er zahlreiche Bücher, Theaterstücke, Libretti, Erzählungen, Essays, Gedichte und Artikel. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2017 mit dem Hessischen Literaturstipendium Emilia Romagna und dem Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis. Jan Decker unterrichtete an mehreren Universitäten, unter anderem an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und der Universität Osnabrück. Er ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

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Arbeitsproben

Das Joni-Prinzip

Joni Mitchell hat ihre Stimme längst zerstört – macht aber nichts.
Was sie von Nietzsche gelernt hat und was Schriftsteller von
Songwritern noch lernen können „Es gibt im Wesentlichen keinen
Unterschied zwischen Songwritern und Schriftstellern“, meinte Judith
Holofernes zu mir. Ich traf die Songwriterin und ehemalige Frontfrau
der Band „Wir sind Helden“, um mit ihr über Joni Mitchell zu reden.
Anlass war der 75. Geburtstag der kanadischen Künstlerin im November
2018 – und ein Feature über sie, das ich für Deutschlandfunk Kultur
vorbereitete.

Die These von Judith Holofernes ging mir nicht aus dem Kopf. Sie
provozierte mich. Konnte es tatsächlich sein, dass Joni Mitchells
Songtexte gleichbedeutend waren mit literarischen Texten? Ich hielt
Songwriter immer noch für etwas halbseidene Gestalten, eher einem
Massenpublikum als der literarischen Muse verpflichtet, der ich, ganz
auf die Magie des autonomen Wortes setzend, doch folgte. Verstand
Judith Holofernes meine Vorbehalte? Was war denn für sie das
Charakteristische dieser Songtexte?
„Sehr mühelos“ wirkten Mitchells Texte, erwiderte Holofernes. „Es
gibt Songwriter, denen man ihre Arbeit immer etwas anmerkt. Bei
Joni Mitchell hat das aber stets so eine ganz großartige Leichtigkeit.
Wenn man die Texte dann geschrieben sieht, wird einem erst klar,
wie gefeilt und absichtsvoll die sind. Sie haben einen unglaublichen
Flow, sind rhythmisch ungewöhnlich gesetzt. Doch sie gehen immer
auf, und sie sind dabei auch noch ziemlich elegant.“ Es müsse also
viel Mühe in diesen Texten stecken, ergänzte sie, aber diese Mühe sei
absolut unsichtbar. „Genau wie in ihrer Stimme, diesem Gleiten über
die Oktaven, keine Mühe hörbar ist.“ Flow, Originalität, Rhythmus,
Mühelosigkeit: Kriterien, die man auf Gedichte, ja auf Literatur
insgesamt genauso anwenden kann. Mir wurde immer klarer, dass –
und warum! – die Songwriter-Komponierstube von Joni Mitchell
tatsächlich die Werkstatt einer anspruchsvollen Schriftstellerin ist. Es
blieb die Preisfrage: „Wie macht sie das?“

Mitchells Werkstatt
Im Kanada der 1950er-Jahre hatte Joni Mitchell als Schülerin einst
einen Kurs für Kreatives Schreiben besucht. Und ihr Lehrer dort,
Arthur Kratzman, hatte ihr einen wichtigen Tipp gegeben, den sie
fortan beherzigte – so wichtig, dass sie Kratzman später ihr erstes
Album widmete: Alle Stellen mit Klischees solle sie in ihren Texten
rot einkreisen und durch etwas Originelles ersetzen. Originell,
entdeckte Mitchell bald für sich, ist vor allem selbst Erlebtes.
Bereits in einem Gespräch mit der Songwriterin Malka Marom aus
den 1970er-Jahren, das 2014 als Buch veröffentlicht wurde, scheint
diese Haltung als Songwriterin durch: „Findest du es einfacher,
Fiktionen zu schreiben als autobiografische Texte?“, fragte Marom.
Mitchell antwortete: „So habe ich angefangen. Alles, was ich als
Erstes geschrieben habe, waren Fiktionen. Heute kann ich nichts
Erfundenes mehr schreiben. Ich habe mich absichtlich um diese
Fähigkeit gebracht.“ – „Warum?“ – „Weil ich irgendwann eine
Realistin sein wollte. Ich wollte einfach nur noch Songtexte schreiben,
die von einer persönlichen Erfahrung ausgehen. Darüber habe ich
einmal auch mit Bob Dylan gesprochen, und er bestätigte mir, dass er
ebenfalls sehr genau darauf achtet, nicht über Dinge zu schreiben, die
er nicht persönlich erlebt hat.“

Das autobiografische Schreiben ist für Joni Mitchell kein Selbstzweck, schon
gar kein Anlass, auf die Tränendrüse zu drücken, sondern der einzig mögliche
Weg, um nicht belanglos oder klischeebehaftet zu schreiben. Sie verweigert sich
weder Fiktionen an sich noch einer fantasievollen, metaphernreichen
Sprache. Doch sie verlangt von Literaten, dass ihnen immer die
Rückübersetzung einer Zeile in deren konkrete Bedeutung, am besten
sogar in die konkrete biografische Erfahrung dahinter gelingen muss.
Literarische Pedanterie? Dann müssten wir auch, wie eben gehört,
Bob Dylan einen literarischen Pedanten nennen. In einem späteren
Gespräch mit Malka Marom wurde noch deutlicher, worum es
Mitchell geht, als sie über uns Literaten der Gegenwart sagte: „Sie
schreiben alle ziemlich blutleer und akademisch und scheinen einfach
kein aufregendes Leben zu führen. Deshalb schreiben sie wohl auch
diesen selbstbezüglichen Kram. Sie müssen ja mittlerweile nur noch
einmal durch die Wohnung zu ihrem Computer gehen, um zu
schreiben. Das ist wahrscheinlich das Problem.“

Tobias Levin gab mir Einblick in Joni Mitchells eigenen
Schaffensprozess. Der Hamburger Musikproduzent beschäftigt sich
seit vielen Jahren mit dem Werk der Künstlerin und wusste zu
berichten, „dass Joni Mitchell mit der Musik anfängt, sehr oft auf der
Gitarre, und dann Mantren spielt und langsam wartet, bis diese
Mantren ihr den Weg hin zu einzelnen Ideen, Gedanken oder Worten
zeigen, die sie mit der Musik verbinden kann.“ Wort und Musik
entstehen bei dieser ungewöhnlichen Schriftstellerin also in einem
gleichberechtigten Prozess. Besonders achte Mitchell beim Schreiben
ihrer Songtexte darauf, rhythmisch vielfältig zu sein. Sie bevorzuge
dreihebige Verse, reihe diese im freien Fluss aneinander und versuche
ganz bewusst, den „jambischen Trott“, wie sie es nenne, zu
vermeiden. Jambus, das sei Monotonie, Langeweile, genauso wie
allzu gebräuchliche Stimmungen und Akkorde auf der Gitarre – der
Paarreim des Rhythmus.

Die aufschlussreichsten Einblicke in Joni Mitchells Schreibwerkstatt
gab mir der frühere Musikproduzent Daniel Levitin, der seit 22
Jahren mit Mitchell befreundet ist. Sie lassen sich in einer
Beobachtung Levitins zusammenfassen: „Ich habe sie über Monate
hinweg an einem Songtext arbeiten sehen“, erzählte er mir. „Genauer
gesagt arbeitete sie an einem einzigen Wort, das noch nicht richtig
passte.“ Über Schriftstellerinnen ist Ähnliches schon manches Mal
berichtet worden – sagt es jemand über eine Songwriterin, lässt es
immer noch aufhorchen. Und genau darum geht es: Es ist ein
Anspruch, der große Literatur schaffen kann – die man
Singer-Songwritern allerdings offenbar nie so recht zugetraut hat
(obwohl Joni Mitchell ihre Songtexte bereits 1997 als Buch vorlegte).
Vielleicht gelingt es uns nach dem Literaturnobelpreis für Bob Dylan
im Jahr 2016 endlich, Songwriter und Literaten als gleichwertig zu
sehen. Und vielleicht können wir jetzt sogar von ihren fiktionalen
Kompetenzen profitieren. Der Auftrag wäre dann, das Tattoo mit dem
Rilke-Zitat auf dem linken Arm von Lady Gaga nicht mehr bloß zu
bestaunen, sondern zu lesen. („Prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle
Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie
sterben müssten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses
vor allem: Fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: Muss
ich schreiben?“)

Kitsch, Klischees und Kunst
Wir wissen seit Friedrich Nietzsche, übrigens der philosophische
Hausgott von Joni Mitchell, dass die Auftrennung von Literatur und
Musik in zwei separate Kunstdisziplinen gewisse Kosten verursacht
hat – die wir bis heute tragen müssen. Die Oper, ursprünglich so
etwas wie die Hochzeitsmesse von Wort und Klang, ihre intensivste
Verbindung, gilt heute als bildungsbürgerliches Märchen mit stark
regressiver Tendenz. Doch der tanzende Gott, den sich Friedrich
Nietzsche so wünschte und dem sich auch Joni Mitchell verpflichtet
fühlt, sieht beide immer noch nicht getrennt, hört das Wort vereint
mit der Musik, will in Tönen stets tiefere Bedeutung sehen. Nicht nur
das griff Joni Mitchell schon als junge Songwriterin bei Friedrich
Nietzsche auf, den Stolz einer musizierenden Literatin also oder einer
dichtenden Musikerin. Ebenso zentral war für sie Nietzsches
Kunstkritik, wie er sie vor allem in „Also sprach
Zarathustra“ formulierte. Besonders eine Sentenz aus diesem Werk
zitierte Joni Mitchell immer wieder: Die Dichter sollten mit ihrem
eigenen Blut schreiben, um sich nicht mit künstlichen Gefühlen oder
künstlicher Bedeutung auszustatten, was doch leider ihre gängige
Arbeitsweise sei. Sie sollten also „ihr Gewässer nicht trüben, damit es
tiefer scheine“. Kitsch und Klischees sind um jeden Preis zu
vermeiden! Da ist sie wieder, Joni Mitchell als Schriftstellerin, die
sich das Songwriting erwählt, weil sie hier vielleicht sogar besser als
in der Nur-Literatur mit ihrem eigenen Blut schreiben kann.
Schließlich muss man mit diesen Song-Fiktionen dann auch vor viel
ungeduldigeren Massen bestehen als die Literaten vor ihrem
wohlgeneigten Publikum. Ein Härtetest fürs eigene Blut als
künstlerischer Ansporn.

Verwunderlich, dass die Songwriter neuerdings als Literaten gesehen
werden? Aber nein, denn Poesie war es auch – und nicht Musik –,
was bei den Songwritern der allerersten Stunde in den USA der
1960er-Jahre am höchsten im Kurs stand. Man wetteiferte nicht über
kreischende Gitarren miteinander, sondern mit möglichst originellen
Worten. Jim Morrison verschlang französische Lyrik und schrieb
selbst Gedichte, Leonard Cohen verfasste Romane, Allen Ginsberg
war der allgegenwärtige Freund der Songwriter, gleichzeitig ihr
Poesiedozent, und wenn Joni Mitchell, Bob Dylan und andere
Songwriter sich unterhielten, war das Gesprächsthema, wie schon
Zeitgenossen verblüfft feststellten, vor allem Literatur.

Die Heirat von Wort und Musik
Beginnen wir nun den Rücktransfer. Songwriter sind nicht nur
Literaten – Literaten können von ihnen lernen. Ich sehe vier Punkte,
die mir auch in Joni Mitchells Werk immer wieder begegneten.
Erstens: ein authentisches Kunstschaffen, der Vorrang also des
künstlerischen Eigensinns vor der gemeinen Unterhaltung. Er zahlt
sich am Ende aus, siehe Literaturnobelpreis für Bob Dylan. Und
vielleicht leben uns die großen Singer-Songwriter heute eine
künstlerische Integrität vor, weil sie niemals in den Betriebsmühlen
nur einer Kunstsparte steckten. Zweitens: die Wichtigkeit eines guten
Vortrags, der die eigenen Texte erst verlebendigt („zum Tanzen
bringt“) und daher auch verlangt, dass man in eine Rolle schlüpft: als
Literat schauspielerische Mittel einsetzt. Kamen wir nicht in Urzeiten
von genau so einem Vortrag her, am gemeinschaftlichen Lagerfeuer,
wo die Erzähler alter Schule mündlich zu verzaubern wussten?
Drittens: dass es sich lohnt, auch in literarischen Formen, die eher der
Vermittlung einer anderen Form dienen (Songtexte für Songs,
Dialoge für Drehbücher oder Hörspiele), akribisch an Worten und
Sätzen zu feilen – auch wenn der Ruhm zuerst dem Song oder Film
zuteilwerden mag. Und viertens: Genauigkeit beim Schreiben als
Dienlichkeit bei der Vermittlung. Das Publikum also schon beim
Schreiben im Blick haben, ohne auf es schielen zu wollen! Diese
Genauigkeit ist da ultimativer gefordert, wo man Wort und Musik
zusammenführen muss – oder verheiraten, wie Joni Mitchell sagt.
Literaten fehlt anscheinend manchmal so eine stringente Matrix im
Hintergrund.

Es ist dabei ein Fehler anzunehmen, Songwriter könnten innerhalb
dieses Settings immer nur über sich selbst schreiben. Joni Mitchell
behauptete sogar, man mache einen Fehler, wenn man sie in ihren
Songs höre. Man solle sich selbst darin hören und sehen. Und
tatsächlich: Der Raum für anspruchsvolles Songwriting wird durch
das Joni-Prinzip, wie ich die vier vorgenannten Punkte nennen will,
nicht begrenzt. Oder genauer: Eingeengt wird nur der Raum für allzu
schnelles und serielles Schreiben. Mit verblüffenden Privilegien auf
der Seite der Künstler: Durch die Markanz ihrer Songtexte und
Kompositionen sah man es Joni Mitchell neben zahlreichen
stilistischen Sprüngen in ihrer Karriere nach, dass sie ihre einstmals
so klare und bewegliche Stimme durch jahrzehntelangen
Zigarettenkonsum zerstörte. Auch Tobias Levin verteidigte mir
gegenüber vehement die sorglose Haltung der Sängerin, was ihr
Hauptinstrument betrifft: „Niemand kann Joni Mitchell da einen
Vorwurf machen. Man kann sich nur dafür bedanken, was sie alles
mit ihrer Stimme getan hat.“ Das ist der Vorrang einer Dichterin.
Wer genau hinhört, kann in Joni Mitchell jederzeit die große
Erzählerin hören. Eine Erzählerin zwar, die sich nicht aufdrängt, die
nicht viele Schnörkel macht – und vielleicht deshalb auch immer
noch etwas unterschätzt wird. Aber Mitchell ordnete ihre

Gesangsmelodien schon immer dem Fluss ihrer Worte und Gedanken
unter – sie betreibt kein Hochleistungssingen. Ihre Songtexte ins
Deutsche zu übertragen ist aber genau deshalb eine der schönsten
poetischen Übungen. Etwa beim Song „Black crow“, wo Mitchell
sich in einer fast schon rappenden Sprache mit einer schwarzen Krähe
identifiziert – so hatte ihre strenge Grundschullehrerin einst all jene
Schüler bezeichnet, die zu aufsässig waren (und die sie deshalb in die
letzte Bankreihe verpflanzt hatte), zu denen die junge Joni von
damals allerdings bald gehören wollte, weil sie diese spannender als
die anderen Schüler fand. Und genau diese Ambivalenz zwischen
mimetischer Beschreibung einer Krähe und dem eigenen Blut macht
den Puls dieses Songtextes aus („Eine Suche nach Liebe und Klängen
/ War mein ganzes Leben / Erleuchtung / Betrug / Und Abtauchen,
Abtauchen, Abtauchen / Abtauchen nach jedem leuchtenden Ding da
unten / Wie diese schwarze Krähe, die da flattert / Im blauen
Himmel“). Oftmals surreale und dennoch immer griffige Bilder sind
es, die bei Joni Mitchell stets an einen klugen Diskurs über
emotionale Konflikte gekoppelt sind – eine starke Ich-Erzählerin
eben. Auch wenn sie sich von ihrem Schlaganfall im Jahr 2015
weitestgehend erholt hat: Es ist unwahrscheinlich, dass wir die
Erzählerin Joni Mitchell mit ihrem Werk noch einmal live erleben
werden. Oder etwa doch? Daniel Levitin, ihr langjähriger Freund,
erzählte mir noch dies: Heute, habe ihm Mitchell mitgeteilt, würde sie
ihre Songs nicht mehr singen, sondern auf der Bühne rezitieren. Dann
wäre die Verwandlung Joni Mitchells in eine große Literatin
komplett.

1 Malka Marom: „Joni Mitchell: in her own words. Conversations with Malka
Marom“. Toronto 2014, S. 38. Übersetzung aus dem Englischen: Jan Decker.
2 Ebd., S. 214. Übersetzung aus dem Englischen: Jan Decker. © Jan Decker