Faszinierende Zeichnungen mit Ausschnitten eines menschlichen Schädels umgaben den Bildenden Künstler Johannes Weilandt im Atelier des Künstler- und Stipendiatenhauses, als er sein Vorhaben für den Stipendienaufenthaltes erläuterte.
Im Rahmen dieses dreimonatigen Stipendiums, welches Johannes Weilandt am 01. Oktober angetreten hat, möchte er sich tiefgreifend mit der medizinhistorischen Repräsentation des menschlichen Körpers auseinandersetzen.
Weilandts künstlerische Praxis basiert auf der Frage, auf welche Weise sich Institutionen in unsere Körper einschreiben, sie darstellen, prägen und zum Verschwinden bringen. Im Zentrum seines Interesses steht auch das Erleben medizinischer Einrichtungen aus der Perspektive von Patienten, ein Themenfeld, das zunehmend auch von der medizinhistorischen Forschung beleuchtet wird. Das Ausgangsmaterial, aus dem er seine Zeichnungen konzipiert und dann im offenen Prozess entwickelt, sind vorwiegend visuelle Artefakten, zum Beispiel Fotografien, Handzeichnungen, schematischen Grafiken oder Animationen, die er in medizinischen Sammlungen und Archiven vorfindet.
Während seines Aufenthaltes im Künstler- und Stipendiatenhaus wird Weilandt speziell auf ein anatomisches Exponat aus den Meckelschen Sammlungen in Halle (Saale) eingehen: den „Gallschen Schädel“. Dieser feingliedrig beschriftete menschliche Schädel zeigt 27 nummerierte Zonen, die mit Charaktereigenschaften bzw. Fähigkeiten, wie zum Beispiel Raufsinn, Mordlust, Scharfsinn, Ruhmsucht oder Bedächtigkeit gekennzeichnet sind. Im frühen 19. Jahrhundert wurde angenommen, dass verschiedene Bereiche des Gehirns für unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten verantwortlich sind und dass diese durch die äußere Form des Schädels sichtbar seien. Oder anders ausgedrückt, dass die Form des Schädels Rückschlüsse auf die Persönlichkeit und die geistigen Fähigkeiten eines Menschen zulässt. Trotz der wissenschaftlichen Widerlegung dieser Theorie, hatte sie weitreichende Auswirkungen auf die Polizeiarbeit und Psychiatrie des 19. Jahrhunderts sowie auf die Medizin während des Nationalsozialismus.
Inspiriert von seiner künstlerischen Recherche wird Johannes Weilandt die historische Bedeutung des „Gall-schen Schädels“ zeichnerisch erforschen und dabei auf Skizzen und Notizen zurückgreifen, die er während seiner Zeit in Halle angefertigt hat. Der Entstehungsprozess wird von der Wahl des Formats bis hin zu den zeichnerischen Mitteln einer kontinuierlichen Reflexion unterzogen. Zudem wird Weilandt die Entwicklung seines künstlerischen Prozesses in einem eigens gestalteten Arbeitsjournal dokumentieren, welches ihn auf seinem Weg begleiten wird.
Die Ergebnisse von Weilandts Projekt werden am Ende seines Aufenthalts zum Künstlercafé am 18.12.2025 präsentiert. Sie dürfen gespannt sein auf eine eindringliche künstlerische Auseinandersetzung, die nicht nur den Blick auf die Vergangenheit schärft, sondern auch aktuelle Fragen zu Identität und Zuschreibung im Spannungsfeld von Kunst und Wissenschaft aufwirft.
Mehr zu Johannes Weilandt
Johannes Weilandt, 1991 geboren und in Halle (Saale) aufgewachsen, lebt und arbeitet als Bildender Künstler in Berlin und Halle Saale. Er ist Mitglied im BBK-Berlin, im VGBildkunst und in der Internationalen Heiner Müller-Gesellschaft. Von 2011 bis 2017 studierte er Bildende Kunst | Bühnen- und Kostümbild an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Zudem studierte er 2015 während eines Gastsemesters Zeichnung | Malerei in der Klasse von Prof. Mark Lammert an der UdK Berlin und 2016 Zeichnung | Malerei | Transmedia an der Universität der Künste Belgrad. 2022 erlangte er den Meisterschülertitel bei Prof. Else Gabriel und Prof. Peter Schubert an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. 2023 kooperierte Weilandt im Rahmen seines Residenzstipendiums im Künstlerhaus Lauenburg mit dem Institut für Geschichte und Ethik der Medizin des UKE Hamburg. 2024 Jahr recherchierte er in den Meckelschen Sammlungen des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Für seine Arbeiten erhielt er mehrere Stipendien, u.a. von der Stiftung Kunstfonds. Zudem ist er mit seinen Zeichnungen in verschiedenen Ausstellungen, Veröffentlichungen und Sammlungen vertreten, darunter gemeinsam mit Elske Rosenfeld beim Festival „wohn_komplex, Festival zu 60 Jahre Halle Neustadt“ im Jahr 2024, das durch die Kunststiftung Sachsen-Anhalt gefördert wird.
Mehr zu Johannes Weilandt und seinen Werken finden Sie hier: https://www.johannesweilandt.de/
@_AMK

